Eine Fabel der Klarheit.
Es war einmal ein Zebra, das lebte am Rande einer weiten Ebene. Lange Zeit verbrachte es seine Tage damit, einem gewaltigen Elefanten zuzuhören. Der Elefant trompetete laut und ausdauernd über die Steppe. Er behauptete mit donnernder Stimme, das Zebra sei in Wahrheit selbst ein Elefant – ein missratener, ein fehlerhafter, ein ungenügender Elefant, dem es an Rüssel und Einsicht fehle.
Hinter dem Elefanten stand ein noch älterer, mächtigerer alter Elefant, der sich für so vollkommen hielt, dass die Sonne nur für ihn aufzugehen schien. Dieses Duo wirbelte so viel Staub auf, dass das Zebra zeitweise seine eigenen Hufe nicht mehr sah und nicht wusste wohin. Die Vorwürfe des Elefanten waren wie ein Schwarm stechender Fliegen, die sich durch das Fell des Zebras bissen, jedes Mal, wenn es versuchte, sich zu erklären, zu entschuldigen, oder seine Unschuld zu beweisen.
Doch eines Morgens geschah eine Wandlung. Das Zebra trat an einen stillen See und betrachtete sein Spiegelbild. Es sah nicht den verzerrten Schatten, eines Elefanten der sich im Wasser spiegelte. Es sah seine Streifen.
Diese Streifen waren seine Wahrheit: seine Liebe zu seinem Fohlen, seine unerschütterliche Geduld und die Klarheit seines Geistes. In diesem Moment begriff das Zebra: Ein Elefant mag die Steppe erschüttern, aber er kann das Muster eines Zebras nicht wegbrüllen.
Als das Zebra zum Elefanten zurückkehrte, geschah das Wunder: Der Elefant begann erneut zu toben. Er schleuderte seine Fliegen – die alten Vorwürfe, die Fehler ,die nicht verarbeiteten Probleme ohne Liebe, die Kälte und die Missachtung – in Richtung des Zebras. Doch die Fliegen fanden keine Landefläche mehr. Das optische Muster der Streifen verwirrte sie; die neue, kühle Distanz des Zebras bot ihnen keine Nahrung.
Das Zebra erwiderte nichts auf das Getöse. Es wies lediglich ruhig auf die fehlende Logik in der Luft hin – auf die „fehlenden Fliegen“ in der Erzählung des Elefanten. Während der Elefant vor Wut noch mehr Staub aufwirbelte, blieb das Zebra unbewegt. Ein leises, wissendes Lächeln huschte über seine Nüstern.
Es drehte sich langsam um und ging seinen eigenen Weg, sicher in dem Wissen:
„Die Fliegen des Elefanten finden durch meine Streifen nicht mehr zu mir denn ich war immer ein Zebra.“
Daniel Piatek
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