Das Fehlen eines Menschen ist zunächst nichts anderes als sein Nichtvorhandensein. Doch wie wir dieses Fehlen empfinden, hängt davon ab, welche Bedeutung wir diesem Menschen geben und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Es ist eine kognitive Staffelung finde ich . Je bedeutender ein Mensch für uns ist, desto intensiver können wir seine Abwesenheit wahrnehmen.
Wenn sich ein Mensch nicht meldet, fehlen uns vielleicht seine Worte. Wir vermissen den Austausch, die Gedanken und die Möglichkeit, uns mit ihm zu verbinden. Gleichzeitig entsteht Ungewissheit. Wir wissen nicht, ob alles in Ordnung ist, warum der Kontakt ausbleibt oder ob sich etwas verändert hat. Die Angst, dass etwas passiert sein könnte oder die Verbindung endgültig verloren geht, kann unsere Unruhe verstärken.
Wir sorgen uns um Menschen, die für uns Bedeutung besitzen. Deshalb kann es besonders schmerzhaft sein, wenn uns jemand Bedeutungslosigkeit vermittelt, obwohl wir eine Verbindung zu diesem Menschen aufgebaut haben. Hinzu kommt die Angst, dass mit unseren Gefühlen gespielt wird. Wir beobachten unser Gegenüber, achten auf Authentizität, Ehrlichkeit und darauf, ob Worte und Handlungen übereinstimmen.
Auch der gegenwärtige Moment ist eine fortlaufende Bestätigung oder Veränderung unserer bisherigen Einschätzung. Wir können einen Menschen heute als aufrichtig und verbunden erleben und dennoch nicht wissen, ob er morgen noch genauso empfindet. Das Leben lehrt uns durch Enttäuschungen, dass wir uns verändern können und wir für jemanden, der uns einst nahestand, irgendwann keine Bedeutung mehr haben könnten.
Dabei spielt auch die geistige Verbundenheit eine Rolle. Wenn wir mit einem Menschen tiefgründige Gespräche führen können und das Bedürfnis entwickeln, diesen Austausch fortzusetzen und den Kontakt aufrechtzuerhalten, ist das für uns ein Zeichen von Wertschätzung. Es geht nicht allein darum, wie häufig wir miteinander sprechen, sondern auch darum, ob wir uns wirklich für den anderen interessieren und die Verbindung gegenseitig pflegen.
Regelmäßiger Kontakt und eine Beziehung können uns Sicherheit geben, weil wir die Verbundenheit immer wieder erleben. Doch letztlich bleibt die Möglichkeit bestehen, dass sich etwas verändert.
Betrachtet man es konsequent, könnte man deshalb zu dem Schluss kommen, dass die größte Ruhe vielleicht dort zu finden wäre, wo wir niemanden kennen und in Stille existieren. Denn wo keine persönliche Bindung entsteht, können wir auch niemanden vermissen oder durch dessen Verhalten enttäuscht werden. Gleichzeitig würden wir damit jedoch auf einen Teil dessen verzichten, was unser Leben bereichert.Vielleicht liegt darin der Widerspruch des menschlichen Erlebens. Die Menschen, die unser Leben bereichern, sind zugleich diejenigen, durch die wir verletzlich werden können.
dp

Kommentar verfassen